Foto: istock/ dusanpetkovic
Die Verdauung rebelliert, der Hals ist geschwollen – und jetzt direkt zum Arzt: So soll es in Zukunft laufen, wenn es nach der Bundesregierung geht. Die Koalition will das ärztliche Attest ab dem ersten Krankheitstag für Beschäftigte zur Pflicht machen. Dabei spricht eigentlich alles dagegen.
Probleme lösen: Für die Bundesregierung ist das Teil der Jobbeschreibung. Dafür wird sie gewählt. Eines der Probleme, die Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lösen will, ist der angeblich zu hohe Krankenstand in Deutschland.
Krank sein will niemand. Den Krankenstand senken klingt also erst mal nach einer guten Sache.
Die Frage ist: Wie kann das gehen?
Für Merz scheint der Fall klar zu sein. Er will es Beschäftigten schwerer machen, sich krankzumelden. Bereits im Juli haben die Spitzen der Bundesregierung beschlossen, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, die während der Coronapandemie eingeführt wurde.
Zweite Maßnahme: Künftig sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bereits ab dem ersten Tag einer Erkrankung ein ärztliches Attest vorlegen.
Bedeutet konkret: Wer sich im Betrieb krankmeldet, muss sofort in die Arztpraxis und sich eine AU-Bescheinigung („arbeitsunfähig“) ausstellen lassen. Auch dann, wenn die Erkrankung voraussichtlich nur einen oder wenige Tage dauern wird.
Die IG Metall lehnt das strikt ab. Und für diese Ablehnung gibt es viele Gründe.
Beschäftigte unter Generalverdacht:
Der erste und vielleicht wichtigste Grund gegen die Sofort-Attestpflicht ist das Misstrauen gegenüber den Beschäftigten. „Eine Attestpflicht ab Tag eins stellt Millionen Beschäftigte unter Generalverdacht“, sagt IG Metall-Sozialvorstand Ralf Reinstädler. Auch Arbeitsrechtler und Personalexpertinnen sehen das so.
Bei den jüngsten Demonstrationen der Gewerkschaften gegen Sozialabbau war es zu spüren: Viele Beschäftigte empfinden die angekündigte Attestpflicht als Misstrauensvotum gegen sich selbst – als würden sie ständig blau machen und müssten deshalb schärfer kontrolliert werden.
Wie man mit dieser Haltung Menschen für sich gewinnen will, bleibt das Geheimnis des Bundeskanzlers.
Überlastung der Arztpraxen:
Viele Arztpraxen sind bereits heute überlastet. Der Ärzteverband Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Pläne der Bundesregierung deshalb scharf kritisiert: Für sie grenzt es „an Irrsinn, abertausende Menschen zusätzlich in die Praxen zu jagen für das reine Ausfüllen von Zetteln.“ Wer huste oder eine Magen-Darm-Infektion habe gehöre ins Bett und nicht in die übervolle Praxis.
Höherer Krankenstand:
Dicht an dicht im Wartezimmer sitzen, statt sich auszukurieren. Allein das könnte den Krankenstand erhöhen.
Andere Effekte wären noch deutlich gefährlicher: Der zusätzliche Druck auf Arbeitnehmende könnte dazu führen, dass sich mehr Menschen krank zur Arbeit schleppen und dort andere anstecken. In einer Umfrage des Sozialverbands VdK gaben 14 Prozent der Befragten an, das sie lieber krank arbeiten gehen würden als einen Arzttermin zu absolvieren. 21 Prozent sagten, sie würden sich vorsorglich länger krankschreiben lassen, um nicht erneut zum Arzt zu müssen. Beides würde den Krankenstand nach oben treiben, statt ihn zu senken.
Wie die Menschen tatsächlich auf die Attestpflicht ab Tag eins reagieren würden, ist offen. Aber auch die AOK hält die beschriebene Effekte für plausibel und warnt davor.
Mehr Bürokratie:
Bürokratie abbauen – auch das gibt Kanzler Merz immer wieder als Ziel aus. Eine Attestpflicht vom ersten Krankheitstag würde genau das Gegenteil bewirken: Die Betriebe müssten die Attestpflicht kontrollieren. Die Arztpraxen müssten mehr Termine stemmen. Und die Beschäftigten müssten Termine ausmachen und Krankmeldungen übermitteln.
Und sollte der Gesetzgeber es Unternehmen erlauben, per Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung von der neuen Attestpflicht abzuweichen, dann müssten diese Regelungen erstmal ausgehandelt und niedergeschrieben werden.
Irreführende Zahlen:
Warum kocht die Diskussion um den Krankenstand in Deutschland überhaupt hoch? Ein wesentlicher Grund ist, dass die Krankentage in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. 2020 waren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Schnitt 11,2 Tage krankgemeldet. 2025 waren es 14,6 Tage.
Bundeskanzler Merz sagte dazu: „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Für Gesundheitsexpertinnen ist längst klar: Die längeren Fehlzeiten gehen zum Großteil auf die Einführung der elektronischen Krankschreibung (eAU) zurück. Bevor es die eAU gab, mussten Beschäftigte den „gelben Schein“ selbst bei Krankenkasse und Arbeitgeber abgeben. Das machten viele nicht. Krankheitstage wurden dadurch nur unvollständig erfasst. Heute sind die Statistiken näher an der Realität – die Menschen aber nicht unbedingt häufiger oder länger krank. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland beim Krankenstand im Mittelfeld.
Man könnte also mit gutem Grund fragen: Gibt es das Problem, das Kanzler Merz so dringend lösen will, überhaupt?
Wie wir Deutschland tatsächlich gesünder machen:
Mehr Gesundheit: Auf dieses Ziel können sich wohl alle einigen. Was dafür nötig ist, liegt auf der Hand: „Wer den Krankenstand wirklich senken will, muss vor allem die Langzeiterkrankungen in den Blick nehmen“, sagt Anke Jurchen, Leiterin des betrieblichen Gesundheitsmanagements bei der AOK Nordost. „Sie verursachen die meisten Fehltage, und das mit steigender Tendenz. Mehr Prävention, mehr betriebliches Gesundheitsmanagement und eine gute medizinische Versorgung sind wirksame Gegenmittel.“
IG Metall-Sozialvorstand Ralf Reinstädler sieht es ähnlich: „Gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen sind die Grundlage für gesunde Belegschaften“, sagt er.
Misstrauen gegenüber allen Beschäftigten hilft dagegen nicht.
